Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Prof. Dr.-Ing. Klaus-Peter Löhr, der am 20. April 2026 im Alter von 84 Jahren verstorben ist. Mit ihm verliert die Informatikgemeinschaft einen prägenden Wissenschaftler, engagierten Hochschullehrer und geschätzten Kollegen.
Die Fachgruppe Betriebssysteme würdigt sein Wirken und seine Persönlichkeit mit zwei persönlichen Nachrufen von Weggefährten aus unserer Gemeinschaft.
Prof. Dr. Wolfgang Schröder-Preikschat (FAU Erlangen-Nürnberg)
Prof. Dr.-Ing. habil. Klaus-Peter Löhr prägte Generationen von Studierenden, indem er nicht nur Wissen vermittelte, sondern zum selbstständigen Denken anregte. Mein erster Kontakt mit ihm muss um das Jahr 1985 herum gewesen sein, als er an die FU Berlin wechselte und dort federführend den Aufbau des Instituts für Informatik in Angriff nahm. In der Anfangsphase der Erstellung meiner Dissertation fragte ich ihn (handschriftlich und in Briefform) ehrfurchtsvoll an, als Zweitgutachter in meinem Promotionsverfahren mitzuwirken. Er sagte zu. Bei unserem ersten Treffen erläuterte ich ihm den Inhalt meiner Arbeit, wobei mir sein ruhiges Wesen und seine menschlich zugewandte Art schnell half, meine Nervosität abzubauen. Seine angenehmen Charaktereigenschaften haben ihn während seines gesamten Berufslebens ausgezeichnet.
Peter war in den systemorientierten Gebieten der klassischen Informatik zu Hause: Betriebssysteme, Verteilte Systeme, aber auch Softwaretechnik und Programmiersprachen. Er bezeichnete sich als „self-made“ Informatiker, bei seiner Dissertation gab es keine Betreuer, nur Prüfer. Auch seine Habilitation meisterte er ohne inhaltliche Betreuung. Mir sagte er einmal, dass er damals (Ende der 1970er Jahre) viel von Nico Habermann gelernt habe, aber dass er sich nicht anmaße, ihn als Teil seines akademischen Stammbaums zu sehen.
Pünktlich zur Einführung des Diplomstudiengangs wurde 1993 der Institutsneubau in der Takustraße in Berlin-Dahlem bezugsfertig,
doch kaum dort eingerichtet, kam mit dem Haushaltsstrukturgesetz des Berliner Senats 1996 die Forderung auf, das Institut zu schließen: Berlin verfügte nach Fall der Mauer über drei Universitäten, die jeweils eine Forschungs- und Lehreinheit für Informatik betrieben und es stand im Raum, eine davon einzusparen. In dem Zusammenhang ergaben sich auch Sondierungsgespräche zu einer möglichen engeren Kooperation der FU-Informatik mit dem ebenfalls noch jungen Informatikinstitut der Universität Potsdam, in die auch ich involviert war. Die Diskussionen zeigten Peters kritische Meinung und seine konsequente politische Haltung gegenüber der akademischen Altlast der ehemaligen DDR in deutlicher aber immer konstruktiver Weise. Letztendlich kam es zu keiner Fusion, das Institut für Informatik blieb an der FU bestehen mit Peter in aktiver und prägender Rolle bis zu seinem Ruhestand.
Peters fachlicher Schwerpunkt bildeten nebenläufige Systeme, sowie die softwaretechnische und programmiersprachliche Unterstützung für deren Entwicklung. Sein Beitrag „Beyond concurrent Pascal“ von 1977, den er auf dem „Symposium on Operating Systems Principles“ präsentierte, war eine Pionierleistung: Peter war der erste „Betriebssystemer“ Deutschlands überhaupt, der ein Papier auf der SOSP platzieren konnte. In der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) war er auch der Fachgruppe Betriebssysteme immer verbunden, deren Fachgruppenleitung er in den Jahren 1989 bis 1994 angehörte. Für sein vielfältiges und umfassendes Engagement in der GI wurde Peter 2009 zum GI-Fellow ausgezeichnet.
Neben seiner wissenschaftlichen Exzellenz, die ihn als international angesehenen Forscher auswies, ist mir Peter als begnadeter Lehrer der Informatik in Erinnerung. Legendär in dem Kontext bleibt sein „Wort zum Montag“. Unter anderem thematisierte dieser wöchentliche Beitrag auf seiner Webseite missverstandene oder gar falsche Übersetzungen englischsprachiger Informatikfachbegriffe: Peter legte immer großen Wert auf die korrekte deutsche Bezeichnung von informatischen Konzepten. Dadurch hat sich auch in mir die Einsicht gefestigt, dass eine Übernahme von Anglizismen häufig unnötig ist — weshalb diese Art Tagebuch für mich der Auslöser für ein Glossar zur Systemprogrammierung war.
Der persönliche und fachliche Umgang mit Peter war immer sehr angenehm. Er war verständnisvoll, präzise, fokussiert auf die Sache und ein konstruktiv-kritischer und prinzipientreuer Mensch, der uns durch das Aufzeigen von Kontroversen zur Diskussion anregte und nachhaltig prägte, Gegebenes stets reflektiert zu hinterfragen.
Peter Löhr verstarb am 20.4.2026 im Alter von 84 Jahren. Wir werden ihn in bester Erinnerung behalten.
Prof. Dr. Andreas Polze (HPI Potsdam)
Prof. Dr.-Ing. Klaus-Peter Löhr war mein Doktorvater. Im Jahr 1994 war ich sein erster Doktorand, der die Promotion im Fach Informatik an der FU Berlin abgeschlossen hat. Gleichzeitig war ich der zweite Doktorand der jungen FU-Informatik überhaupt.
Es war eine Zeit voller Aufbruchstimmung: 1993 bezog die Informatik den Neubau in der Takustr. in Dahlem, nachdem sie zuvor in zwei Dachgeschossen in der Nestorstr. in Charlottenburg residiert hatte. Um Haaresbreite hätte die FU Informatik nicht überlebt - es gab im Zuge der Wiedervereinigung einen Disput im Berliner Senat, der die Einrichtung von Informatikstudiengängen an allen drei Berliner Universitäten in Frage stellte. In einem gemeinsamen Aufbegehren konnten die Leitungen der TU Berlin, der HU Berlin und der FU Berlin dieser Streichung entgegentreten. Eine wilde Zeit.
Gleichzeitig wurde 1991 mit dem DFG-Graduiertenkolleg „Kommunikationsbasierte Systeme“ eine gemeinsame Doktorandenschule aller dreier Berliner Universitäten etabliert. Als Stipendiat ebendieses GRK lernte ich Peter Löhr kennen. Ein Ruhepol im Strudel der Zeitgeschichte. Wir trafen uns immer dienstags zu einem Gespräch zum Promotionsvorhaben. Synchrone vs. Asynchrone Kommunikation - ein fast philosophisches Thema - das war sein erster Vorschlag und eine Diskussionsbasis. Entstanden ist daraus ein technischer Bericht der FU Informatik mit dem Thema „Kommunikationsstrukturen in nebenläufigen Systemen und ihre programmiersprachliche Realisierung“. Message passing vs. RPC (Fernaufruf - Peter war ein Verfechter der korrekten deutschen Benennung von Konzepten), Synchronisationskonstrukte - das waren Themen unserer Gespräche. Abstrakte Datentypen (Daten, Operationen, Gleichungen), die Programmiersprache Eiffel mit Operationen, Vor- und Nachbedingungen sowie Invarianten - das waren Peters Themen während ich Bjarne Stroustrup, Operatorüberladung und C++ viel spannender fand. Es waren keine einfachen Dispute. Bis zu dem Moment, als ich mich mit „Gleiche Stelle, gleiche Welle…“ der Formulierung aus dem Radio (Friedrich Luft, Stimme der Kritik, RIAS-Berlin) eines Tages verabschiedete - und Peters Augen aufleuchteten. Wir erkannten uns als Berliner aus Ost und West und von dem Moment an stimmte die Chemie… (in Wirklichkeit lagen Peters Wurzeln im Rheinland, was er auf seine bescheidene Art mit Pfannkuchen für den Fachbereich jährlich zu Fasching zelebrierte).
Peter Löhr hat weit in die internationale Wissenschaftsgemeinschaft gestrahlt. Durch ihn habe ich Bertrand Meyer und die TOOLS-Konferenz-Serie an der UCSB kennengelernt. Frans Kaashoek (ORCA, Amoeba) stellte die Verbindung zu Andy Tanenbaum an der Freien Universität Amsterdam her. Und nicht zuletzt war Peter Löhr Zweitbetreuer von Wolfgang-Schröder Preikschat und Jörg Nolte, die damals mit dem Betriebssystem Peace und dem verteilten Speichersystem Manna im Kontext des Suprenum-Projektes promovierten, beides heute hochgeschätzte Betriebssystem-Professoren in Deutschland. Mein Promotionsthema in 1994 war übrigens: „Objektorientierung und lose gekoppelte Kommunikation als Basis für die Entwicklung offfener, verteilter Anwendungssysteme“, VDI Verlag, 1995. ISBN 3-18-334910-8.
Peter Löhr ist am 20.4.2026 im Alter von 84 Jahren gestorben. Wir behalten ihn in dankbarer Erinnerung.